Teil 3 – Abbruch

Nach dem Zerwürfnis zwischen Gemeinde und Jugenddiakon gerät die Offene Arbeit in Halle-Neustadt in eine isolierte Lage. Der Verbleib Rochaus wird über die Grenzen Halle-Neustadts hinaus zum Politikum. Weil sich in der Kirchenprovinz Sachsen keine Stelle für ihn findet, wird er im März 1983 aus dem aktiven Kirchendienst entlassen. Damit steht der ehemalige Jugenddiakon der Staatsmacht schutzlos gegenüber.

Die Offene Arbeit hat zu diesem Zeitpunkt in Halle-Neustadt bereits keine institutionelle Zukunft mehr. Die Frustration unter den Herangewachsenen ist groß. Gemeinsam mit Lothar Rochau wagen sie öffentlichen Protest. Am Weltumwelttag 1983 gelingt es ihnen, eine Fahrraddemonstration in Richtung der Buna-Werke zu starten. Bald darauf erfolgt die Verhaftung Lothar Rochaus – das endgültige Aus für die Offene Arbeit. Den Bewegten bleibt nur der Rückzug in Gemeinden der Altstadt Halles.

Der Kreiskirchenrat hatte Mitte Februar 1982 der Empfehlung eines Stellenwechsels nur unter Vorbehalt zugestimmt. Zum einen sollte eine einvernehmliche Lösung mit Lothar Rochau gefunden und zum anderen die Jugendarbeit in Halle-Neustadt fortgeführt werden. Eine verbindliche Suspendierung vom Dienst war das noch nicht. Eine Übergangszeit bis Anfang September wurde dem Jugenddiakon zugestanden.

Konkrete Vorstellungen zur Fortsetzung der Offenen Arbeit bestanden auf Seiten der Kreiskirchenleitung nicht – weder in personeller noch programmatischer Hinsicht. Maßnahmen zur Konzeption ergriff die Kirchengemeinde Halle-Neustadt trotz der Aufforderung dazu durch die vorgesetzten Stellen ebenso wenig. Vielmehr behielt sie sich vor, Entscheidungen dazu erst für die Zeit nach Rochaus Weggang anzusetzen. Konnte man die Jugendlichen und jungen Erwachsenen der OA einfach sich selbst überlassen?

Aus dem Beschluss des Kreiskirchenrats vom 15. Februar 1982 (Archiv der Kirchengemeinde Passendorf).

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Weil alle Versuche, zwischen Gemeindeleitung und Jugenddiakon in Halle-Neustadt zu vermitteln, gescheitert sind, sieht sich der Kreiskirchenrat gezwungen, Lothar Rochau einen Stellenwechsel zu empfehlen. Gleichzeitig wird die Kirchengemeinde aufgefordert, sich im Einvernehmen mit ihrem scheidenden Mitarbeiter um eine Neuaufstellung der Jugendarbeit für die Zukunft zu kümmern. Dazu wird beiden Seiten eine Übergangszeit bis Ende August 1982 zugestanden. Ebenso ist die Gemeinde zur Aufarbeitung des Geschehenen angehalten. Weder ermuntert die Gemeinde zur Neuausrichtung der OA in Halle-Neustadt ohne Lothar Rochau. Noch zieht sich der Jugenddiakon aus der OA zurück. Der Konflikt in der Gemeinde erreicht den Modus offener Konfrontation.

Rochau entschied sich für das Weitermachen in Halle-Neustadt. Bis auf weiteres und mit wesentlichen Einschränkungen: Für die Werkstattage musste Ersatz gefunden werden. Das Gelände der Kirchengemeinde konnte für den wochentäglichen Routinebetrieb nur noch sehr bedingt genutzt werden. Allein der offene Freitagabend im Bauwagen blieb vorerst. In der Not wich die OA an andere Orte aus. Die Hauskreisarbeit wurde intensiviert. Ebenso das Engagement für Friedensveranstaltungen in anderen Gemeinden der Stadt Halle. Oft traf man sich zu Lesungen und Themenabenden in Wohnungen. Den zunehmend eingeschränkten Kontakt zur Kirchengemeinde unterhielt maßgeblich Katrin Eigenfeld durch Präsenz in den Gemeindeleitungssitzungen. Unterstützung erfuhren der Jugenddiakon und die OA während dieser Phase im Kirchenkreis. Nach Abfrage der Halleschen Gemeinden fanden die 7. Werkstattage 1982 in der Luthergemeinde statt. Im Sommer des Jahres folgte dann das unangemeldete Abschlussfest für Lothar Rochau auf dem Passendorfer Kirchengelände.

Versteigerung während der 7. Werkstattage (Foto: Agnes Thelaner-Castro/ Privatarchiv: Carsten „Carlo“ Göthe).

Die siebten und letzten Werkstattage der OA Ha-Neu im Juni 1982 finden auf dem Gelände der Lutherkirche in Halle bei Pfarrer Neher statt. Nach der Veranstaltung der 6. Werkstattage in der Christusgemeinde bei Pfarrer Schache eine weitere Ausweichmöglichkeit. In Halle-Neustadt waren die Großveranstaltungen bereits nach dem Mai 1980 Geschichte. Während dieser Veranstaltung sind bereits Punks mit dabei. Eine neue Jugendsubkultur ist in der DDR angekommen. Die Szene abseits des verordneten Gleichschritts wird in der ersten Hälfte der 1980er Jahre zunehmend vielschichtiger.  Versteigerung während der 7. Werkstattage (Foto: Agnes Thelaner-Castro/ Privatarchiv: Carsten „Carlo“ Göthe).

Die siebten und letzten Werkstattage der OA Ha-Neu im Juni 1982 finden auf dem Gelände der Lutherkirche in Halle bei Pfarrer Neher statt. Nach der Veranstaltung der 6. Werkstattage in der Christusgemeinde bei Pfarrer Schache eine weitere Ausweichmöglichkeit. In Halle-Neustadt waren die Großveranstaltungen bereits nach dem Mai 1980 Geschichte. Während dieser Veranstaltung sind bereits Punks mit dabei. Eine neue Jugendsubkultur ist in der DDR angekommen. Die Szene abseits des verordneten Gleichschritts wird in der ersten Hälfte der 1980er Jahre zunehmend vielschichtiger.

Nach der Sommerpause lehnte die Leitung der Kirchengemeinde die Fortführung der Jugendarbeit, so wie sie bisher gestaltet wurde, erneut strikt ab. Hinzu kam der Verweis auf den Personalmangel zur Abdeckung eines solchen Angebots. Im Gegenzug wurden die Forderungen der OA-Gemeinschaft mit dem Ende der Übergangszeit vehementer. Die Kirchenkreisleitung wurde von Vertretern der OA um Hilfe gebeten. Als schließlich auch noch der verbliebene Freitagabend verwehrt werden sollte, kam es im September des Jahres zwischen Kirchengemeinde, Superintendent und Stadtjugendpfarrer über die Herausgabe des Schlüssels zum Bauwagen zum Eklat.

Nicht-Zuständigkeitserklärung eines hauptamtlichen Pfarrers vom 22. September 1982 (Archiv der Kirchengemeinde Passendorf).

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Das Angebot der Gemeinde, eine andere und klar begrenzte Form der Jugendbetreuung zu tragen, lehnt die Gruppe der Offenen Arbeit in der JG ab. Ihre gegenteilige Forderung nach Fortsetzung der OA wie bisher wird von der Gemeindeleitung abgelehnt. Der Konflikt zwischen Gemeindevertretern und Offener Arbeit ist so angespannt, dass die Bemühungen aus dem Kirchenkreis scheitern, die Gemeinde bei der weiteren Betreuung erst einmal personell zu unterstützen. Die Frage nach dem Schlüssel zum Bauwagen für den Offenen Freitagabend im Bauwagen, ein wesentlicher Teil der Identität dieser Offenen Arbeit in der Kirchengemeinde Halle-Neustadt, wird Anlass für Demonstrationen der Entzweiung.

Im Anschluss erklärte sich die Gemeindeleitung als nicht mehr zuständig für die Betreuung der Über-18-Jährigen. Der Versuch eines Neuanfangs scheiterte kläglich mit ausgesprochenen Hausverboten. Für die Jugendlichen war die Passendorfer Kirche damit Geschichte geworden. Der Kirchenkreis konnte weder den Ausfall personell abfedern noch die nun gänzlich auf Hauskreise reduzierte OA unterstützen. Er untersagte sowohl dem suspendierten Jugenddiakon als auch den Freunden der OA die weitere Abhaltung entsprechender Veranstaltungen. Die institutionelle Einbindung war weggebrochen.

Aus einem Brief des Superintendenten an Lothar Rochau (Archiv der Kirchengemeinde Passendorf).

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Nach dem institutionellen Aus der Offenen Arbeit in der Kirchengemeinde Halle-Neustadt verbleibt der Gemeinschaft vorerst nur die Hauskreisarbeit. Die eigenständige Suche nach Unterkunft und Anbindung einer so großen Gruppe junger Menschen gestaltet sich schwer und langwierig. Kurzfristig nötig ist die Zusage des Kirchenkreises, die OA vorübergehend auch informal zu tragen. Die Anfrage der OA lehnt Superintendent Helmut Hartmann problembewusst ab: Hauskreisarbeit kann nicht als Kirchendienst geschützt werden. Daher sind solche Zusammenkünfte in der Auslegung des StGB als Tatbestände der “staatsfeindlichen Hetze und Gruppenbildung nach den §§ 106 und 107 kriminalisierbar. Der suspendierte Jugenddiakon wird aufgefordert, seine Beteiligung an der OA zu unterlassen.

Für Lothar Rochau, offiziell zu Weiterbildungszwecken beurlaubt, begann eine Zeit der erfolglosen Suche nach neuen Arbeitsmöglichkeiten in der Kirchenprovinz und im gesamten Gebiet des Bundes der Evangelischen Kirchen. Aber – wo auch immer er hinkam, immer gab es Gründe, die gegen ein Arbeitsverhältnis sprachen.

Brief an den Halleschen Superintendenten (Privatbesitz: Lothar Rochau).

Innerhalb der Kirche lichten sich die Reihen der Unterstützer des Jugenddiakons. Die überregionale Suche nach einer Anstellung im Kirchendienst bleibt ergebnislos. Zwar versucht die Neinstedter Bruderschaft, dem von ihr eingesegneten Lothar Rochau zu helfen. Enttäuscht wird jedoch vom Bruderältesten zur Kenntnis genommen, dass sich niemand für dessen weiteres Schicksal zu interessieren scheint. Sollte die Arbeitssuche ergebnislos bleiben, schließt der Brief deprimiert, "können wir ihm nur noch die schlechteste aller Möglichkeiten vorschlagen." Brief an den Halleschen Superintendenten (Privatbesitz: Lothar Rochau).

Innerhalb der Kirche lichten sich die Reihen der Unterstützer des Jugenddiakons. Die überregionale Suche nach einer Anstellung im Kirchendienst bleibt ergebnislos. Zwar versucht die Neinstedter Bruderschaft, dem von ihr eingesegneten Lothar Rochau zu helfen. Enttäuscht wird jedoch vom Bruderältesten zur Kenntnis genommen, dass sich niemand für dessen weiteres Schicksal zu interessieren scheint. Sollte die Arbeitssuche ergebnislos bleiben, schließt der Brief deprimiert, “können wir ihm nur noch die schlechteste aller Möglichkeiten vorschlagen.”

Die Kirchenleitung schien der Entwicklung machtlos gegenüber zu stehen. In der ganzen DDR sollte es keine freie Stelle für Rochau im Kirchendienst geben. Zudem nahmen die Verantwortlichen wahr, dass der vom Dienst Suspendierte, trotz ausdrücklicher Aufforderung zur Unterlassung, weiterhin die jungen Menschen der OA betreute. Staatliche Vorhaltungen dazu taten ihr Übriges. Vermeintlich blieb dem Kirchenkreis nur die fristgemäße Kündigung zum Ende Februar 1983.

Aufkündigung des Dienstverhältnisses (Privatbesitz: Lothar Rochau).

Ende November 1982 wird der suspendierte Jugenddiakon durch Superintendenten Hartmann über die Kündigung seines Arbeitsverhältnisses mit dem Kirchenkreis in Kenntnis gesetzt. Ab 1. März 1983 ist Lothar Rochau ohne kirchliche Dienststellung. Als eingesegneter Bruder der Neinstedter Anstalten bleibt er weiterhin Mitglied der evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. Für den Staatssicherheitsdienst tritt der Operativvorgang Prävention in seine Zielphase: Der Bürger Lothar Rochau ist strafrechtlich aus dem Verkehr zu ziehen. Bis dahin sind öffentlichkeitswirksame Aktionen zu verhindern. Das gelingt bis zum Sommer 1983 nur bedingt.   Aufkündigung des Dienstverhältnisses (Privatbesitz: Lothar Rochau).

Ende November 1982 wird der suspendierte Jugenddiakon durch Superintendenten Hartmann über die Kündigung seines Arbeitsverhältnisses mit dem Kirchenkreis in Kenntnis gesetzt. Ab 1. März 1983 ist Lothar Rochau ohne kirchliche Dienststellung. Als eingesegneter Bruder der Neinstedter Anstalten bleibt er weiterhin Mitglied der evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. Für den Staatssicherheitsdienst tritt der Operativvorgang Prävention in seine Zielphase: Der Bürger Lothar Rochau ist strafrechtlich aus dem Verkehr zu ziehen. Bis dahin sind öffentlichkeitswirksame Aktionen zu verhindern. Das gelingt bis zum Sommer 1983 nur bedingt.

In der Passendorfer Kirche war bereits vor der Kündigung des Jugenddiakons keine Offene Arbeit mehr möglich gewesen. Abstimmungen über künftige Aktivitäten fanden in der Vertrautheit privater Hauskreise statt. Daneben blieb nur noch der Weg in die Öffentlichkeit. Die gewachsene Gemeinschaft suchte nach dem Rauswurf aus der Kirchengemeinde in Halle-Neustadt nach Möglichkeiten, zu den drängenden, in der OA bisher ohnehin thematisch begleiteten Problemen der Zeit – das atomare Wettrüsten in Mitteleuropa, die Menschenrechtsfrage im Ostblock, die Militarisierung und politische Degeneration der DDR-Gesellschaft sowie die massiven Umweltschädigungen der “volkseigenen” Industrieproduktion – Stellung zu nehmen. Schon zum Weltfriedenstag 1982 hatte die OA Staat und Kirche durch das gemeinschaftlich öffentliche Tragen des Friedenstaube-Symbols darauf aufmerksam gemacht, dass mit einem stillen Rückzug in die Bedeutungslosigkeit nicht zu rechnen war. Die ehemalige Offene Arbeit wurde so zu einem frühen Beispiel der Etablierung oppositionellen Verhaltens in der DDR in der ersten Hälfte der 1980er Jahre.

Die OA auf dem Weg in die Altstadt (Foto: unbekannt / Privatbesitz Lothar Rochau).

Der erste September ist im DDR-Kalender als Weltfriedenstag gekennzeichnet. Am späten Nachmittag dieses Sommertages 1982 versammelt sich die OA auf der Peißnitz-Insel. Die Staatssicherheit dokumentiert aufwendig Anwesenheiten und Aktivitäten. Mit dem Symbol der Friedenstaube von Pablo Picasso auf der Schulter macht sich die OA am frühen Abend auf ihren Weg durch die Mansfelder Straße zur Marktkirche. Die staatlichen Stellen schätzen das als Demonstrativverhalten ein. Deutlich wird, dass der Operativvorgang Prävention ein hohes Risiko birgt: Was, wenn öffentlichkeitswirksame Aktionen des Jugenddiakons und der OA nicht effektiv verhindern werden können?  Die OA auf dem Weg in die Altstadt (Foto: unbekannt / Privatbesitz Lothar Rochau).

Der erste September ist im DDR-Kalender als Weltfriedenstag gekennzeichnet. Am späten Nachmittag dieses Sommertages 1982 versammelt sich die OA auf der Peißnitz-Insel. Die Staatssicherheit dokumentiert aufwendig Anwesenheiten und Aktivitäten. Mit dem Symbol der Friedenstaube von Pablo Picasso auf der Schulter macht sich die OA am frühen Abend auf ihren Weg durch die Mansfelder Straße zur Marktkirche. Die staatlichen Stellen schätzen das als Demonstrativverhalten ein. Deutlich wird, dass der Operativvorgang Prävention ein hohes Risiko birgt: Was, wenn öffentlichkeitswirksame Aktionen des Jugenddiakons und der OA nicht effektiv verhindern werden können?

Es folgten weitere öffentlichkeitswirksame Aktionen. Zu Fragen des Friedens sorgte die OA Mitte März 1983 auf einer staatlichen Veranstaltung der URANIA im Clubhaus der Gewerkschaften “Hermann Duncker” für Verunsicherung unter den anwesenden Genossen von der NVA. Mit einem Paukenschlag erinnerte die OA nach der Kündigung des Jugenddiakons daran, dass auch weiterhin mit ihr zu rechnen sei: Am 19. Mai 1983 mischten sich die Bewegten mit Kerzen und Friedenstransparenten unaufgefordert unter eine offizielle „Friedensmanifestation“ zum Pfingsttreffen der FDJ, nachdem Versuche zur Kontaktaufnahme mit der staatlichen Jugendorganisation gescheitert waren. Durch Sicherheitskräfte abgedrängt, gelang es einzelnen trotzdem, vor dem Polizeirevier am Hallorenring zu protestieren. Der Staatssicherheitsdienst registrierte die Aktion sehr genau.

Staatliche Stellen fühlen sich von der Offenen Arbeit provoziert. Sie irritiert wiederholt das Selbstverständnis der Diktatur. Am 19. März 1983 mischt sich die OA selbständig unter die staatlich organisierte Friedenskundgebung der FDJ, weil trotz vorheriger Anfrage ihre Demonstranten nicht zum Zug zugelassen werden. Entweder mit Transparenten der FDJ und in Marschformation oder gar nicht – war der Bescheid gewesen, gegen den die OA an diesem Abend die mitgeführten Transparente entrollt. Das MfS dokumentiert die Aktion akribisch. Maßnahmenbedarf erscheint den staatlichen Stellen unmittelbar gegeben.

Auf dem Pfingsttreffen der FDJ 1983 in Halle am 19. Mai (Foto: Andreas Baumgartner / Quelle: Bildarchiv der Robert-Havemann-Gesellschaft).

Auf dem Pfingsttreffen der FDJ 1983 in Halle am 19. Mai (Foto: Andreas Baumgartner / Quelle: Bildarchiv der Robert-Havemann-Gesellschaft).

Eingabe an Egon Krenz (Quelle: Nachlass von Katrin Eigenfeld im Bestand der Robert-Havemann-Gesellschaft, KE 02).

Eingabe an Egon Krenz (Quelle: Nachlass von Katrin Eigenfeld im Bestand der Robert-Havemann-Gesellschaft, KE 02).

Für den 5. Juni 1983 riefen Mitglieder der Offenen Arbeit alle Gemeinden des Kirchenkreises dazu auf, sich an einer Fahrraddemonstration nach Schkopau zu beteiligen. Mit Gasmasken und Transparenten sollte gegen die gravierende Umweltzerstörung durch die ortsansässigen chemischen Werke BUNA protestiert werden. Staatliche Stellen waren im Voraus unterrichtet und versuchten, potenzielle Teilnehmer durch Vorladungen zur Volkspolizei und Einbestellungen zu Aussprachen massiv einzuschüchtern. Teilweise erschienen Mitarbeiter des MfS gezielt an den Wohnungstüren der OAler.

Trotz der Drohgebärden fand die Aktion statt. Allerdings beendete ein Großaufgebot an Ordnungskräften die Demonstration am südlichen Stadtrand von Halle vorzeitig. Für die meisten der Teilnehmer endete die Fahrt im Polizeirevier in der Ludwig-Stur-Straße. Es folgten Festsetzungen und stundenlange Verhöre.

Zum Weltumwelttag 1983 plant die OA, mit dem Fahrrad zu den BUNA-Werken nach Leuna zu fahren, um so gegen die verheerende Umweltverschmutzung durch die chemischen Großanlagen zu demonstrieren. MfS und staatliche Stellen sind bereits im Voraus über die illegale, weil nach der Veranstaltungsverordnung nicht angemeldete Aktion der OA bestens informiert. Der Demonstrationszug wird, durch die Paul-Suhr-Straße kommend, im Süden Halles abgefangen und zur Auflösung gezwungen. Etliche der Teilnehmer werden “zugeführt”.

Der Corso der Fahrraddemo rollt durch Halle (Foto: Andreas Baumgartner Privatbesitz: Matthias Augustin).

Der Corso der Fahrraddemo rollt durch Halle (Foto: Andreas Baumgartner Privatbesitz: Matthias Augustin).

Für Zivilcourage zur Kasse gebeten (Privatbesitz: Eckhard Kränz).

Die Teilnahme an einer nicht genehmigten „Veranstaltung“ wie der Fahrraddemonstration kann teuer werden. Die Beschuldigten müssen jeweils zwischen 200-500 Mark zahlen. In Anbetracht der Monatsverdienste erhebliche Summen. Beschwerden dagegen werden rigoros abgewiesen. Potentielle Teilnehmer werden zur Einschüchterung bereits vorab gezielt durch staatliche Vertreter angesprochen. Der Nachweis der Beteiligung ergibt so den Tatbestand vorsätzlichen Handelns. Solidarische Sammlungen im überregionalen OA-Netzwerk versuchen, den persönlichen Schaden abzufedern.  Für Zivilcourage zur Kasse gebeten (Privatbesitz: Eckhard Kränz).

Die Teilnahme an einer nicht genehmigten „Veranstaltung“ wie der Fahrraddemonstration kann teuer werden. Die Beschuldigten müssen jeweils zwischen 200-500 Mark zahlen. In Anbetracht der Monatsverdienste erhebliche Summen. Beschwerden dagegen werden rigoros abgewiesen. Potentielle Teilnehmer werden zur Einschüchterung bereits vorab gezielt durch staatliche Vertreter angesprochen. Der Nachweis der Beteiligung ergibt so den Tatbestand vorsätzlichen Handelns. Solidarische Sammlungen im überregionalen OA-Netzwerk versuchen, den persönlichen Schaden abzufedern.

Der ehemalige Jugenddiakon und seine Familie wurden zu dieser Zeit bereits offen durch die Staatssicherheit observiert. Am 23. Juni 1983 schließlich erfolgte der „Zugriff“, also die Verhaftung Rochaus. Er wurde in die MfS-Untersuchungshaftanstalt „Roter Ochse“ gebracht. In den wochenlangen Vernehmungen kamen 1.000 Seiten Anklageschrift zusammen. Ein Verhörspezialist des MfS war eigens dazu aus der Berliner Zentrale angereist. Nach einer nur fünftägigen Verhandlung stand das Urteil im September fest: Drei Jahre Haft wegen „staatsfeindlicher Hetze“ sowie „Beeinträchtigung der staatlichen und gesellschaftlichen Tätigkeit“.

Aus der Rundverfügung 16/83 vom 29. Juni 1983 (Quelle: BStU, MfS, KD Halle-Neustadt, VIII 421/88, OV “Aktion”, unpag.).

Der Rat des Bezirks Halle unterrichtet die Kirche über die Verhaftung Lothar Rochaus. In Kirchenkreis, Provinz und Bund regen sich Aktivitäten. Diese Meldung stört im Lutherjahr 1983 die aufwändige Inszenierung des Guten Verhältnisses von Staat und Kirche zueinander. Das staatliche Kalkül, den ehemaligen Jugenddiakon möglichst geräuschlos aus der Öffentlichkeit zu nehmen, geht fehl: Trotz Entlassung ist Rochau als eingesegneter Bruder der Neinstedter Anstalten weiterhin Kirchenmitglied. Über den epd verbreitet, sorgt die Meldung von der Verhaftung für mediale Aufmerksamkeit. Sämtliche West-Zeitungen berichten. Sein Anwalt suggeriert Rochau, dass es nun keine Alternative mehr zur Ausreise gibt. Was er nicht weiß – dieser Anwalt arbeitet für das MfS.  Aus der Rundverfügung 16/83 vom 29. Juni 1983 (Quelle: BStU, MfS, KD Halle-Neustadt, VIII 421/88, OV "Aktion", unpag.).

Der Rat des Bezirks Halle unterrichtet die Kirche über die Verhaftung Lothar Rochaus. In Kirchenkreis, Provinz und Bund regen sich Aktivitäten. Diese Meldung stört im Lutherjahr 1983 die aufwändige Inszenierung des Guten Verhältnisses von Staat und Kirche zueinander. Das staatliche Kalkül, den ehemaligen Jugenddiakon möglichst geräuschlos aus der Öffentlichkeit zu nehmen, geht fehl: Trotz Entlassung ist Rochau als eingesegneter Bruder der Neinstedter Anstalten weiterhin Kirchenmitglied. Über den epd verbreitet, sorgt die Meldung von der Verhaftung für mediale Aufmerksamkeit. Sämtliche West-Zeitungen berichten. Sein Anwalt suggeriert Rochau, dass es nun keine Alternative mehr zur Ausreise gibt. Was er nicht weiß – dieser Anwalt arbeitet für das MfS.

Zusätzlich wurden am 31. August des Jahres noch die Mitglieder eines Vorbereitungskreises für den Weltfriedenstag festgenommen. Darunter auch das ehemalige Gemeindeleitungsmitglied Katrin Eigenfeld. Die Offene Arbeit war damit offiziell zerschlagen.

Allerdings ging das Kalkül des Staats nicht ganz auf: Entgegen der Hoffnung auf eine klammheimliche Abwicklung sorgten die Verhaftungen von Rochau und Eigenfeld für Aufsehen in der verhassten Westpresse und Interventionen der westdeutschen Politik. Zudem bekundeten die Kirchen in der DDR ihre Solidarität mit den Inhaftierten durch Eingaben und Verlautbarungen. Und das ausgerechnet im pompös begangenen Jubiläumsjahr anlässlich des 500. Geburtstag von Martin Luther, in dessen Verlauf der Welt eigentlich das vermeintlich gute Verhältnis von Kirche und Staat demonstriert werden sollte.

Passage zur Begründung aus dem Urteil (Privatbesitz: Lothar Rochau).

Im Namen des Volkes wird der ehemalige Jugenddiakon zusammen mit einem Weggefährten aus der OA im September 1983 "wegen staatsfeindlicher Hetze pp." zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Ein von Rochau angestrengtes Berufungsverfahren scheitert erwartungsgemäß Ende Oktober des Jahres vor dem Obersten Gericht. Das Urteil ist rechtskräftig. Damit hat der Staat die Offene Arbeit von Lothar Rochau endgültig zerschlagen. Passage zur Begründung aus dem Urteil (Privatbesitz: Lothar Rochau).

Im Namen des Volkes wird der ehemalige Jugenddiakon zusammen mit einem Weggefährten aus der OA im September 1983 “wegen staatsfeindlicher Hetze pp.” zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Ein von Rochau angestrengtes Berufungsverfahren scheitert erwartungsgemäß Ende Oktober des Jahres vor dem Obersten Gericht. Das Urteil ist rechtskräftig. Damit hat der Staat die Offene Arbeit von Lothar Rochau endgültig zerschlagen.